1. Feuchteschäden: Das komplexe Zusammenspiel von Wasser und Bausubstanz
Feuchtigkeit ist mit Abstand die häufigste Ursache für Bauschäden im Bestand. Für den Profi reicht jedoch die Feststellung „Die Wand ist nass“ nicht aus. Eine erfolgreiche Sanierung steht und fällt mit der differenzierten Diagnose der Feuchtigkeitsquelle. Fehleinschätzungen führen hier oft zu teuren, aber wirkungslosen Maßnahmen (z. B. eine Horizontalsperre gegen Kondensatfeuchte).
Aufsteigende Feuchtigkeit und fehlende Horizontalsperren
In Gebäuden, die vor den 1960er Jahren errichtet wurden, fehlen oft funktionierende Horizontalsperren oder sie sind im Laufe der Jahrzehnte verrottet (z. B. Teerpappe). Die Folge ist kapillar aufsteigende Feuchtigkeit aus dem Erdreich.
- Diagnose: Das Schadensbild zeigt sich typischerweise im Sockelbereich bis zu einer Höhe von ca. 1,50 Metern. Putzabplatzungen und dunkle Verfärbungen sind Indikatoren.
- Achtung bei Messungen: Kapazitive Feuchtemessgeräte (Kugelkopf) liefern bei versalzenem Mauerwerk oft falsch-positive Ergebnisse, da Salze elektrisch leitfähig sind. Für eine verlässliche Diagnose ist oft eine Darr-Probe oder CM-Messung notwendig.
- Maßnahmen: Nachträgliche Horizontalsperren (z. B. Injektionsverfahren mit Paraffin oder Silikonmikroemulsionen, mechanisches Sägeverfahren) sind hier das Mittel der Wahl, flankiert von einer fachgerechten Innen- oder Außenabdichtung.
Hygroskopische Feuchteaufnahme durch Salzbelastung
Oft wird Feuchtigkeit mit undichten Stellen verwechselt, obwohl es sich um eine hygroskopische Wasseraufnahme handelt. Nitrate (oft in ehemaligen Stallungen), Chloride oder Sulfate reichern sich im Mauerwerk an. Diese Salze binden Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft.
- Das Problem: Selbst wenn die ursprüngliche Wasserquelle (z. B. aufsteigende Feuchte) beseitigt ist, bleibt die Wand feucht, sobald die Luftfeuchtigkeit steigt. Beim Abtrocknen kristallisieren die Salze und sprengen durch den Kristallisationsdruck Putz und Farbe ab.
- Sanierung: Hier hilft oft nur der Einsatz von Opferputzen oder speziellen Sanierputzsystemen (WTA-zertifiziert), die über ein großes Porenvolumen verfügen, um die Salze einzulagern, ohne dass die Oberfläche zerstört wird.
Kondensatfeuchte und Wärmebrücken
In Bestandsgebäuden, die energetisch nur teilweise saniert wurden (z. B. neue dichte Fenster in ungedämmter Fassade), verschiebt sich der Taupunkt. Luftfeuchtigkeit kondensiert an den kältesten Stellen der Außenwand – oft in Raumecken oder hinter Möbeln.
- Differenzierung: Im Gegensatz zu baulichen Undichtigkeiten ist hier das Nutzerverhalten (Lüften) oder eine mangelhafte Planung der Dämmung ursächlich.
- Prävention: Einbau von Zwangslüftungen (Fensterfalzlüfter) oder dezentralen Lüftungsanlagen sowie die Beseitigung geometrischer und materialbedingter Wärmebrücken.